Ich bin mir noch nicht ganz darüber im Klaren, ob ich im Strahl kotzen, oder mich doch lieber vor Lachen bep… soll, als ich neulich – genauer gesagt am Pfingstsonntag – diesen Spruch von einem schon etwas betagteren Modell eines männlichem Stuttgarter Passanten mit stark schwäbischem Akzent zu hören bekomme. Hey Menschheit… was ist denn bloß los mit dir im Jahre 2017? Oder pauschalisiere ich tatsächlich mal wieder und das Problem ist überhaupt nicht die Menschheit sondern doch eher der eingeborene Schwabe?

Es ist Pfingstsonntag. Katharina und ich haben uns spontan dazu entschlossen, die unverhofften Sonnenstrahlen für einen nachmittäglichen Spaziergang zu nutzen und da der Fotograf immer den Drang verspürt, seine Kamera einzupacken, wenn er vor die Tür geht… wurde selbige für den Fall der Fälle in den Rucksack verfrachtet. Kleines Equipment. Kleine Kamera, kleines Objektiv.

Normalerweise ist Stuttgarts Schlossplatz so überhaupt nicht unser Ziel, wenn es uns ins Freie zieht aber irgendwie zog es uns an diesem Nachmittag genau dorthin. Auch diese Parkbank mit der alten Frau hatte nicht wirklich etwas besonders Anziehendes an sich und trotzdem setzten wir uns aus irgendeinem Grund zu ihr. Also zu der alten Frau.
Es dauerte nicht lange, also gefühlt nur etwa fünf Sekunden und diese Dame sprach uns an. Sehr höflich. Mit osteuropäischem Akzent. Und etwa eine halbe Stunde später kannten wir ihre komplette Lebensgeschichte. Wie und weshalb sie vor 49 Jahren nach Deutschland kam und dass sie nach den Stationen Köln, Düsseldorf und Solingen schließlich in Stuttgart gelandet oder eher gestrandet war.

Wir philosophierten über Gott & die Welt. Über die Menschheit im Allgemeinen, denn Sinn des Lebens, den Irrsinn des Donald Trump, nicht reflektierte Menschen und… die charakterlichen Eigenschaften des gemeinen Schwaben. Gemein soll an dieser Stellen selbstverständlich für „allgemein“ und nicht für „gemein“ im Sinne von bösartig stehen.

Wir drei – also die 70-jährige vornehme Dame, Katharina und ich sind uns noch während dieses Gesprächs einig, dass dies eine der schönsten und erfrischendsten Begegnungen bislang in dieser Stadt war.

Ich kann so etwas ja tagelang abfeiern, wenn sich Menschen mit Lebenserfahrung und einem extrem ausgeprägten „Emotional-Quotienten“ bei dir für ein tolles Gespräch bedanken.

Nach etwa einer Stunde beschliessen wir weiterzuziehen und verabschieden uns freundlich von unserer neuen Bekanntschaft. Guter Tag… nein sehr guter Tag in Stuttgart. Man hat hier sehr selten solch tolle und bereichernde Begegnungen. Wir machen uns also auf in Richtung „Kleiner Schlossplatz“, um noch die Abendsonne zu geniessen und es uns bei kühlem Getränk gutgehen zu lassen.  

Angekommen, Kaltgetränke verhaftet und kurzerhand beschlossen noch ein paar spontane Bilder zu schiessen. Nach nicht einmal fünf Minuten habe ich eine handvoll toller Bilder von Katharina geschossen. Mehr braucht es nicht. Einziger Zweck des Spontan-Shootings: Spass haben! Katharina schnappt sich die Kamera und wir drehen den Spiess um. Ziel und Zweck: exakt das Gleiche! Nach genau zwei Auslösungen stellt sich ein betagter Herr vor Katharinas Linse, betrachtet die Kamera wortlos und…verweilt genau in dieser Position. WILKOMMEN IN STUTTGART. Sagt er nicht, sondern denke ich mir. Katharina reagiert dann doch irgendwann auf ihn und meint sehr freundlich: „Kann ich ihnen helfen?“. Passant auf schwäbisch: „Sie fotografieren in die Sonne!“ Katharina: „Stimmt.“ Passant entrüstet: „Das darf man nicht!!!“ Meine Frau freundlich wie ehe und je: „Weshalb denn nicht?“ Schwabe: „Aber entschuldigung, ich bin Fotograf!!!“ Ich: „Wir auch. Beide. Beruflich.“

Ups… war wohl die falsche Reaktion. Entrüstet und kopfschüttelnd zieht er weiter. Ich hatte total vergessen, dass man hier als Eingeborener zwar jedem seine Meinung aufdrängen darf, uns als zugezogene aufgeschlossene Menschen mit eher kölschem Mindset jedoch das Recht zur verbalen Selbstverteidigung verwehrt bleibt.

Berlin kann jeder STUTTGART MUSS MAN WOLLEN!

In diesem Sinne: haut rein und lasst euch nicht verbiegen!

Folgende Bilder entstehen übringens, wenn man verbotenerweise IN DIE SONNE fotografiert. Schrecklich! 😉

Leica M 240, Voigtländer 35mm F 1,4 Nokton SC @ f1,8
Leica M 240, Voigtländer 35mm F 1,4 Nokton SC @ f1,8
Leica M 240, Voigtländer 35mm F 1,4 Nokton SC @ f1,8
Leica M 240, Voigtländer 35mm F 1,4 Nokton SC @ f1,8
Leica M 240, Voigtländer 35mm F 1,4 Nokton SC @ f1,8
 

Fotos: Katharina Lichtblau

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